
Diese WM wird anders als alle vorherigen. Das war allein schon aufgrund der Größe des Teilnehmerinnenfeldes klar. Mit 32 Ländern ist es die größte Fußball-WM der Frauen ever. Und natürlich wurde im Vorfeld rumgejammert: Das Niveau würde sinken, jetzt wo Hinz und Kunz mitkicken dürften, sogar aus Pusemuckel. Nur: Warum heißt „mehr Teams“ automatisch „mehr schlechte Teams“? Und ist es nicht fair, wenn auch Neulinge wie Vietnam, Haiti, Panama oder Marokko mal die Chance haben, sich der fußballbegeisterten Weltöffentlichkeit zu präsentieren? Ja, es gab hohe Siege auch in dieser Vorrunde. Aber ein 13:0, wie noch bei der letzten WM mit nur 24 Ländern, gab es nicht. Es gab auch kein 8:0, wie noch bei der letztjährigen EM. Das war übrigens England gegen Norwegen wohlgemerkt. Dafür gibt’s jetzt das erste Mal überhaupt ein Finale ohne deutsche oder US-Beteiligung. Soviel steht fest.
Fest steht auch: Es ist (noch) nicht die WM der Topstars. Nicht die von beispielsweise Ada Hegerberg (verletzt, dann ausgeschieden), Sam Kerr (noch dabei, aber verletzt), Alexia Putellas (war lange verletzt und ohne tragende Rolle zurzeit) oder Pernille Harder (spielte immer, ist trotzdem ausgeschieden). Poppis WM hätte es allein mit vier Vorrundentoren werden können, nun ja.
Dazu noch Marta, Megan Rapinoe, Alex Morgan oder Christine Sinclair als die wahrhaftigen weiblichen Legenden des Fußballs der 2010er-Jahre – abgekanzelt, glücklos, torlos, oft tatenlos. Ja, das hatte auch ich ehrlichgesagt anders erwartet. Und so blutete mir ein wenig das Herz, als ich die Heldinnen von einst zuletzt ratlos und entsetzt, mit leeren Blicken vor die Mikrofone treten sah.
Klar, alles hat seine Zeit und offensichtlich bricht gerade eine neue an. Das liegt in der Natur der Sache, aber für die Betroffenen ist es auch unglaublich hart. Zu sehen, dass nichts im Sport älter ist als der Erfolg von gestern. Aber, und das ist ja das Schöne an langen Karrieren: Es bleibt mehr hängen als das letzte Spiel. Und deswegen bleiben alle die hier Genannten das, was sie sind: Fußballlegenden.
Für den Legendenaufbau an der Seitenlinie wäre es zudem extrem hilfreich, wenn es in den Nationalverbänden mehr Trainerinnen gäbe. Im Viertelfinale ist mit Sarina Wiegman für England nämlich nur noch eine dabei. Heißt: Sieben der acht verbliebenen Teams werden von Männern gecoacht. Was nicht der Rede wert wäre, wenn es andersrum genauso ist. Ist es aber nicht. Höchste Zeit also für mehr Trainerinnenlegenden! Neben Wiegman, denn die ist als doppelte Europameisterin (2017 mit den Niederlanden, 2022 mit England) und Vizeweltmeisterin (2019) schon längst eine.
