Bier, Schweiß, Anstand

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Natürlich denkt man zu EM-Zeiten größer und wieder mehr an den Fußball ansich. Was kann Fußball? Wer seine Mitmenschen (oder gar sich selbst) dieser Tage beobachtet weiß: Er bringt Menschen, gestandene Männer und Frauen, dazu inbrünstig einen Bildschirm anzusingen, euphorisch anzuklatschen oder verächtlich gestikulierend anzuschreien. Kinder dürfen länger aufbleiben, man isst in 30 Minuten so viele Chips wie sonst in einem ganzen Monat. Hände werden in die Luft geworfen, ungläubige Mienen aufgesetzt, hemmungslos rumgebrüllt oder Bier geworfen.

Besonders nah am Feuer gebaut sind da bekanntermaßen die Fans Kroatiens. Und so war das Spiel gegen Albanien in allen Belangen ein Ritt auf der Rasierklinge. Drama, Baby. Denn als Zeitzeugin sah ich schon morgens vor allem Rot-Weiß und vor lauter Modric‘ den Trikot-Wald nicht mehr. Jeder Mensch, jedes Auto, jeder Hund trug rot-weißes Schachbrett. Um 15 Uhr dann ging es endlich los. Während einige noch herumirrten und ihren Platz suchten, nach 11 Minuten der erste Schock: 0:1-Rückstand in einem so wichtigen Spiel (beim ersten Gruppenspiel gegen Spanien musste man ja erstaunlich klein beigeben). Betretenes Schweigen. Dann wortreiche Beschwerden, die ich mit quasi null Kroatisch-Kenntnissen nur übersetzen konnte als: Was denn hier los?! Das darf doch nicht wahr sein, verdammt noch mal! Es war wahr und einen höheren Rückstand zur Pause vereitelte einzig der kroatische Torwart. Unzufriedene Gesichter. Aus der Pause dann kam man besser, bis zum erlösenden 1:1 dauerte es aber eine zähe halbe Stunde. Egal! Bengalos brannten, die erste Bierdusche klebte im Haar. Zwei Minuten später das 2:1. Und wie heißt es doch so schön: Ein Bier am Rücken kann auch entzücken. Kollektive Erleichterung, man brachte sich euphorisiert in abschließende Siegerjubelposition. Doch dann, in der fünften Minute der Nachspielzeit: Der späte Ausgleich. Resignierendes Gestöhne. Dann Stille. Vereinzelte Flüche, aber auch dafür fehlte irgendwie die Kraft. Immerhin hatte man knapp zwei Stunden in der prallen Mittagssonne ausgeharrt, denn auf einem erbarmungslos schattenlosen Platz stand die große Leinwand. Der Schweiß stand vielen im Gesicht, keine Tränen. Natürlich nicht! Denn: „Noch ist nichts verloren!“, rief man sich zu. Soweit ich verstand.

Die große Entscheidung fällt dann am Montag gegen Italien. Mamma mia.

Das alles kann Fußball. Und noch viel mehr. Zum Beispiel anständige Statements setzen. Die dänischen Fußballer verzichten nämlich auf die Erhöhung ihrer Prämien vom dänischen Fußballverband. Das so gesparte Geld fließt direkt an die Frauenauswahl und die Jugendteams. Aha! Es ist also durchaus möglich, sich für eine gerechtere Verteilung der Verbandsprämien einzusetzen. Auch eine Erkenntnis.