Elfmeterial Girls

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Foto: franziundschatten

Elfmeterschießen, das Muttertier aller Drama Queens. Der Wolf im Schafspelz der Nachspielzeit. Der rote Teppich der Oscarverleihung für das flatterigste Nervenkostüm. Alles, was Dramatik, Tragik und Komik im Fußball ausmacht: Komprimiert in ein paar Wimpernschlägen. Gibt es Schlimmeres? Oder je nachdem, wen man fragt: Gibt es Schöneres? Meine persönliche Nervenkitzeltoleranzschwelle ist allerdings wie das Kommentationsniveau dieser EM mancherorts: niedrig.

Denn es gewinnen nicht immer die Besseren. Es verlieren nicht die, die es mehr verdient haben. Elfmeterschießen ist purer Zufall und akribische Vorbereitung. Schließlich kleben nicht umsonst Spickzettel an Trinkflaschen von Torhüterinnen (auch wenn diese am Ende behaupten, ihn keines Blickes gewürdigt zu haben). Schließlich gibt es nicht umsonst eine klare Reihenfolge der eigenen Schützinnen (auch wenn am Ende behauptet wird, alle haben spontan und nach Gefühl geschossen). Selten liegen höchstes Glück und tiefster Abgrund so nah beieinander. Nämlich auf wenigen Quadratzentimetern. Während für die einen jubelnd alle Dämme brechen, bricht die Welt für die anderen untröstlich zusammen. Das hält doch niemand aus.

Elfmeterschießen ist kein Spaziergang. Auch wenn es anfangs so aussieht. Der seichte Trab zum Punkt. Hinter dir: Dein Team, aufgereiht am Mittelkreis. Vor dir: die gegnerische Torhüterin. Und unsichtbar dazu gesellen sich Überzeugung, purer Wille, aber auch Zweifel und Dämonen aller Art. Exakt elf Meter und ein Tor, 2,44 Meter hoch und 7,32 Meter lang. Mit einer Torhüterin darin, die im Schnitt maximal 1,75 Meter groß ist. Da bleiben zahlreiche Optionen, sollte man meinen. Links oben, rechts unten, in die Mitte. Humorvoll reingelupft, humorlos reingeschweißt, irgendwie reingekullert – nahezu alles scheint möglich. Vor allem auch: Drüber und voll daneben, was auch vorbei ist.

Elfmeterschießen ist vor alleim eine Verkettung glücklicher oder unglücklicher Umstände. Die eine Torhüterin hält vier Elfer und will den Matchball selbst verwandeln – und scheitert (Schweden-England). Die andere hält den ersten Elfer, verwandelt zwischendurch eiskalt und hält den darauffolgend letzten (Frankreich-Deutschland). Am Punkt sind alle gleich. Auch Alter und Erfahrung schützen vor Fehlschuss nicht: Eine 18-Jährige schießt den letzten Elfmeter hoch drüber und Schweden tief ins Unglück. Davor vergeben hatten allerdings vor allem Routiniers. Eine bemitleidenswerte 21-jährige Alice Sombath in ihrem achten Länderspiel für Frankreich verschießt (entscheidend) ebenso wie eine Sara Däbritz mit über 100 Länderspielen für Deutschland (nicht entscheidend). Ehemalige Weltfußballerinnen verschießen aus dem Spiel (Ada Hegerberg, Alexia Putellas), während sich im WM-Finale 2011 zwischen den USA und Japan die damals 20-jährige Newcomerin Saki Kumagai den entscheidenenden Elfmeter schnappt und dermaßen schnörkellos unter die Latte donnert, dass die Wände noch im heimischen Wohnzimmer wackelten.

Wir sind jedenfalls angekommen in der finalen Phase dieser Euro, in der gilt: We’re living in a elfmeterial world. Ob man will oder nicht.